Aus Newsletter vom 03.03.2026

Zwei sehr unterschiedliche Berichte über Burkina Faso

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Unterstützerinnen von Menschen für Frauen e.V.,

kürzlich erschienen zwei sehr unterschiedliche Berichte über Burkina Faso: Während der Spiegel das Land vor allem im Kontext der aktuellen politischen Lage und Sicherheitsfragen beleuchtete, berichtete die Rhein-Neckar-Zeitung über unsere Projektreise im Dezember, über die freundliche Aufnahme vor Ort, die vertrauensvolle Zusammenarbeit und einen besonderen Moment der Anerkennung.

Bei der Ehrung am 11. Dezember 2025 war Prof. Jürgen Wacker unter den 222 Geehrten der einzige Europäer, der mit der Verdienstmedaille „Chevalier de l’Ordre du mérite de la santé et de l’action sociale“ ausgezeichnet wurde.

Diese beiden Perspektiven zeigen, wie unterschiedlich Wahrnehmung und persönliche Erfahrung sein können. Unsere Delegation erlebte engagierte Partner, große Offenheit und eine sichere, gut organisierte Reise.

Um ein differenziertes Bild zu vermitteln, veröffentlichen wir im Folgenden auch den Leserbrief von Prof. Dr. Wacker, der einige Darstellungen einordnet und unsere Erfahrungen vor Ort schildert.

Herzliche Grüße
Euer Team von
Menschen für Frauen e.V.

Von der Geburtsklinik zur Verdienstmedaille

Seit 40 Jahren ist Jürgen Wacker als Frauenarzt und Entwicklungshelfer in Burkina Faso tätig – dafür bekam er nun die höchste Auszeichnung des Landes.

Edingen-Neckarhausen/Ouagadougou. 40 Jahre lang hat er als Entwicklungshelfer in Burkina Faso gearbeitet und unzähligen Frauen geholfen, auch bei der Geburt ihrer Kinder. Er machte jährliche OP-Kampagnen unter teils schwierigsten Verhältnissen, bildete Ärzte aus und weiter und baute eine eigene Frauenklinik in der Hauptstadt Ouagadougou auf – es ist beeindruckend, was Professor Jürgen Wacker alles erlebt und erreicht hat. Wenn er davon erzählt, dann macht das der pensionierte Bruchsaler Chefarzt, der in Edingen aufgewachsen und verwurzelt ist, zwar nicht ohne Stolz, aber erstaunlich bescheiden. Für sein Engagement bekam er jetzt die höchste staatliche Auszeichnung in Burkina Faso, einen Verdienstorden, verliehen.

Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung, mit freundlicher Genehmigung. Link zum Artikel: Von der Geburtsklinik zur Verdienstmedaille

Putschist in Not

DER SPIEGEL 7/2026 (veröffentlicht Anfang Februar 2026) und trägt den Titel „Putschist in Not“.

Es handelt sich um ein Porträt von Ibrahim Traoré, dem 37-jährigen Militärführer von Burkina Faso.

Kernpunkte des Berichts:
Hintergrund: Traoré kam durch einen Staatsstreich im September 2022 an die Macht. Er wird von vielen jungen Menschen im Land als antikolonialer Freiheitskämpfer gefeiert.
Die „Not“: Obwohl Traoré seine Macht durch eine Verlängerung der Übergangsphase bis 2029 gefestigt hat, droht er den Kampf gegen die Dschihadisten zu verlieren. Der Spiegel beschreibt ihn als „Student in Uniform“, der zunehmend unter Druck gerät, da seine Versprechen, für Ordnung zu sorgen, schwer umsetzbar sind.
Internationale Wahrnehmung: Während er im Land Rückhalt hat, wird er im Westen oft als russlandfreundlicher Diktator gesehen.

Quelle: DER SPIEGEL 7/2026 (veröffentlicht Anfang Februar 2026) 

Link: „Putschist in Not“

Burkina Faso im Spiegel – und bei uns vor Ort

Meinung zu dem Artikel im Spiegel (7/2026: Putschist in Not)
Artikel „Putschist in Not“ von Muriel Kalisch in der Ausgabe des SPIEGELs 7/26:S. 58-60

Muriel Kalisch schreibt in dem Artikel über den Präsidenten des Landes Burkina Faso Ibrahim Traoré: ‚Im Netz wird aus dem jungen Militär aus Burkina Faso eine Art Messias‘ und ‚Junge Afrikanerinnen und Afrikaner, auf dem Kontinent und in der Diaspora, sehen in Traoré den Anführer, auf den sie lange gewartet haben‘. In dem Artikel wird über ein Land geschrieben, dessen Existenz in den letzten 10 Jahren von Terroristen, besonders in der Provinz Sahel im Norden bedroht wird. Vor genau 10 Jahren, im Januar 2016, wurden durch Islamisten in der Hauptstadt Ouagadougou ein Hotel (‚Splendid Hotel‘) und ein von Studierenden häufig besuchtes Café (Capuccino) überfallen und viele Burkinabé getötet.
An dem gleichen blutigen Januarfreitag des Jahres 2016 wurde mein Kollege Dr. Kenneth Elliot, mit dem ich als Entwicklungshelfer DED in der 1980er Jahren zusammengearbeitet habe, in Djibo im Sahel von Burkina Faso, aus seinem Krankenhaus entführt, und nach Mali verschleppt. In dieser Zeit gelang es dem damaligen Präsidenten nicht, den Kampf gegen die Islamisten wirklich aufzunehmen, und auch seine Nachfolger im Amt hatten im Kampf gegen die Terroristen keinen Erfolg. Zudem erhielt Burkina Faso von seiner früheren Kolonialmacht Frankreich wenig taugliche Waffen (gebrauchte Gewehre, von der französischen Armee ausgemusterte gepanzerte Fahrzeuge etc.) die dazu führten, dass viele burkinische Soldaten starben, weil sie mit den minderwertigen Waffen aus Europa, sich und die Menschen im Sahel weder verteidigen noch die Islamisten aus ihrem Land vertreiben konnten. Das Gold aus den Goldminen von Assakane im Sahel wurde von ausländischen Investoren an den staatlichen Stellen von Burkina Faso vorbei, ohne Steuern oder Abgaben zu entrichten, exportiert!

In der Tat musste sich die aktuelle Regierung nach Alternativen umsehen, denn das Leitmotiv des ehemaligen Präsidenten der 1980er Jahre Thomas Sankara „La patrie òu la mort – nous vaincrons!“, das 1986 rasch den damaligen Krieg mit Mali beendete, ist der Mehrheit der Menschen in Burkina Faso immer noch bewusst.

Als ehemaliger Entwicklungshelfer des DED in der 1980er Jahren, der seither im Bereich der medizinischen humanitären Hilfe mit Burkina Faso verbunden ist, und aufmerksam die politische Entwicklung verfolgt, kann ich den westlichen Staaten nur raten, die Nöte und Sorgen ernster zu nehmen und vor allem auf Augenhöhe mit den verantwortlichen Regierungen zu sprechen und fair zu verhandeln. ‚Alte Kleider, defekte elektronische Geräte und alte Waffen gehören nicht nach Afrika abgeschoben, sondern sollten in Europa selbst entsorgt oder einem Recycling Verfahren zugeführt werden!

Am 11. Dezember 2025 wurde in Ouagadougou die offizielle Feier aus Anlass der 65–jährigen Unabhängigkeit von der früheren Kolonialmacht durchgeführt, worüber in den deutschen Medien wenig zu lesen war. Als ehemaliger Entwicklungshelfer war ich dazu eingeladen, und konnte auch in die noch vor 2 Jahren von den Terroristen beherrschte Provinz „Boucle du Mouhou“ nach Dédougou fahren. Auf der Fahrt nach Dédougou und in den Stadt selbst sah ich weder russische Fahnen noch islamistische Terroristen, dafür aber freundliche und disziplinierte burkinische Militärs, die ihre Mitbürger von islamistischen übergriffen schützen. Sie würden gerne auch mit europäischen Gewehren ihr Land verteidigen, aber sie bekommen zur Zeit bessere, und vor allem neue Gewehre aus Russland und Drohnen aus der Türkei.

Fazit: Burkina Faso ist seit 65 Jahren unabhängig und hat nicht verdient, weiterhin von den Europäern als ehemalige Kolonie behandelt zu werden. Auch im Dezember 2025 konnte ich mit unseren burkinischen Kolleginnen und Kollegen im Krankenhaus und in der Universität Joseph Ki – Zerbo offen und auf Augenhöhe über alle medizinischen und politischen Probleme sprechen.

Prof. Dr. med. Jürgen Wacker

251211-Besuch-Mogho-Naaba_juergen_wacker_2026
Oben v.l.n.r: Dr. Abdoulaye N’Diaye, Gueswendé Jean-Eric Yanna, Prof. Dr. Jürgen Wacker, König Mogho Naaba, Marie Madeleine Da - Unten v.l.n.r: Renate Wacker, Esther Kabore, Annette Mandel und Pablo Ouedraogo