23.09.2025

Palliative Medizin in armen und reichen Ländern – ein Menschenrecht für alle

Zusammenfassung der Wissenschaftlichen Publikation von Jürgen Wacker: “Palliative Medicine in Poor and Rich Countries“.

In: “Journal of Medical and Health Sciences“. Band 5, 2025, S. 84–86.

Einleitung

Während in Europa viele ältere Menschen in Pflegeheimen sterben, bleibt dies in afrikanischen Ländern die Ausnahme. Dort übernehmen meist die Großfamilien die Pflege – oft unter einfachsten Bedingungen. Ein „heiliger Palmhain“ kann zum Ort der letzten Begleitung werden.
Die Unterschiede zwischen armen und reichen Ländern in der Palliativmedizin sind gewaltig. Atlanten der WHO zeigen: Millionen Menschen weltweit brauchen Palliativversorgung, doch nur ein Bruchteil erhält sie. Besonders in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen fehlt es an Strukturen, Medikamenten und Fachpersonal.

Globale Zahlen und Realitäten

• 56,8 Millionen Menschen benötigen weltweit jährlich Palliativversorgung.
•76 % davon leben in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen.
•Am häufigsten betroffen: Krebs, HIV/AIDS, Schlaganfälle, Demenzen und Lungenerkrankungen.
•In Europa gibt es durchschnittlich 0,8 spezialisierte Dienste pro 100.000 Einwohner:innen, in Deutschland 1,1 – empfohlen wären jedoch zwei.
 
In Burkina Faso etwa steigt die Zahl der Betroffenen stetig, doch das Konzept ist kaum bekannt und schlecht ins Gesundheitssystem integriert.

Burkina Faso im Fokus

Derzeit gibt es in Burkina Faso keine nennenswerte Zahl formell eingerichteter Palliativeinrichtungen – mit Ausnahme der Universitätskliniken in Ouagadougou und Bobo-Dioulasso sowie des protestantischen Krankenhauses Schiphra in Ouagadougou.
Die Gesundheitsbehörden des Landes beschreiben die Versorgung in diesem Bereich als „unzureichend oder nahezu nicht existent“. Ein Lichtblick: Vom 3. bis 13. Dezember 2024 wurden am Evangelischen Krankenhaus Schiphra Ärzt:innen, Pflegekräfte und Verwaltungspersonal in Palliativversorgung geschult. Die damalige Direktorin Marie-Claire Traoré betonte die Bedeutung dieser Schulungen: Gebrechliche Patient:innen mit kurzer Lebenserwartung brauchen besondere Fürsorge – und sollen in dieser kurzen Zeit Freude an Bewegung, Gesang und Gemeinschaft erfahren.

Erfahrungen vor Ort

Prof. Jürgen Wacker, ehemaliger Entwicklungshelfer in Burkina Faso und heute Gynäkologe mit Zusatzqualifikation in Palliativmedizin, schildert seine Eindrücke aus dieser Zeit:
In einem einfachen Raum am CHR Dori nahmen Familien Abschied von ihren Angehörigen. Kühlende Luft wurde mit Fächern gespendet, Berührungen ersetzten Physiotherapie. Die Liebe der Familie war oft die einzige „Therapie“.
Diese Form der Primären Palliativversorgung zeigt, dass Fürsorge nicht zwingend technische Ausstattung braucht – sondern Nähe, Zuwendung und Würde.

Ethische Perspektiven

Eine Tuareg-Teezeremonie macht deutlich:
•Das erste Glas ist bitter wie das Leben,
•das zweite süß wie die Liebe,
•das dritte mild wie der Tod.
Dieses Sinnbild verbindet sich mit Albert Schweitzers Prinzip: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Palliativmedizin bedeutet, dieses Leben in all seinen Phasen zu achten – unabhängig von Herkunft oder Wohlstand.

Lehren und Empfehlungen

• In Deutschland gilt es, die ambulanten Hospizdienste und Ehrenamtlichen stärker einzubeziehen.
•In Burkina Faso braucht es mehr Ausbildung, Anerkennung und Integration der Palliativversorgung ins Gesundheitssystem.
•Stationäre Versorgung kann nie alles leisten – die Familie und die Gemeinschaft spielen eine entscheidende Rolle.
Die Weisheit der Tuareg-Teezeremonie erinnert daran, dass es nicht um mehr Tage geht, sondern um mehr Leben in den Tagen. Oder wie Cicely Saunders sagte:
„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“

Lehren und Empfehlungen

Palliative Medizin darf kein Luxus der reichen Länder bleiben. Sie ist ein Menschenrecht und Ausdruck von Würde. Ob in einem deutschen Hospiz oder in einem Dorf der afrikanischen Savanne – das Ziel bleibt gleich: Schmerzen lindern, Hoffnung schenken und das Leben in seinen letzten Tagen lebenswert machen.

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Link zu Journal of Mental Health Disorders